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„Sie kam aus Mariupol“ von Natascha Wodin

Noch vor kurzem wusste kaum jemand, wo Mariupol liegt und welche geschichtlichen Verwerfungen diese Stadt schon durchgemacht hat, vom Zarenreich, über Stalinzeit mit Terror und Hungersnot bis zum Einmarsch der Deutschen und deren unheilvollem Wirken. Jetzt aber ist Mariupol durch die Grauen des Krieges der russischen Armee gegen die Ukraine seit dem 24.Februar 2022 erschreckend in unser Bewusstsein gerückt.

Die Lektüre des Buches ist mit diesem Wissen doppelt bewegend. Natascha Wodin wurde für dieses Werk mit mehreren geachteten Preisen ausgezeichnet.

Natascha Wodin wurde 1945 in Fürth/Bayern als Tochter von sowjetischen Zwangsarbeitern geboren, die aus Furcht vor stalinistischer Verfolgung nach Kriegsende in Deutschland blieben und dort ein entbehrungsreiches Leben führten. Heute lebt sie in Berlin und Brandenburg.

Die Fragen ihres Lebens: „Wer war meine Mutter?“, „Was sind meine Wurzeln?“ veranlasst sie in späten Jahren, sich auf Spurensuche zu begeben. Diese verdichtet sich zu einer verzweigten Familientragödie mit ganz unterschiedlichen persönlichen Auswirkungen durch die erwähnten politischen Bedingungen.

Ihre Mutter kommt 1920 als Spätgeborene aus einer adligen Familie mit italienischen Wurzeln in eine Welt, in der dieser Hintergrund bereits lebensbedrohlich ist. Der Bogen der Geschichte spannt sich vom mehrfach zerstörten Mariupol mit seiner idyllischen Lage am Asowschen Meer, von der Ukraine als Vielvölkerstaat mit Beziehungen zu Italien, Griechenland, des Weiteren über Einblicke in die sowjetische Evakuierung nach Sibirien mit dem berühmt-berüchtigten Archipel Gulag bis hin zu den unmenschlichen Bedingungen in deutschen Zwangsarbeitslagern. 1944, kaum 24 Jahre alt wurde die Mutter mit ihrem Ehemann, einem Russen, jedoch getrennt, in Güterzügen nach Deutschland zu Arbeitsdiensten transportiert.

Die Überlebenden dieser Zwangsarbeiterzeit in Deutschland haben bis heute keine Beachtung oder Würdigung ihrer menschlichen Not erfahren. Selbst im Heimatland erwartete sie meist der Tod wegen angeblicher Desertation. Ihre Mutter setzt ihrem tragischen Leben 1956 im Alter von 36 Jahren im Fluss Rednitz ein Ende.

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