Die geplante „Funky Town“ am Funkhaus Areal entfacht ernsthafte Debatten über die städtebauliche Zukunft Karlshorsts. Drei detaillierte Einwendungen zur öffentlichen Auslegung des Bebauungsplans 9-2-1 VE offenbaren erhebliche planungsfachliche Mängel – von Verkehrskollaps bis Klimaschutz.
Verkehrschaos vorprogrammiert
Der zentrale Kritikpunkt aller drei Einsprechenden: Die Verkehrsuntersuchung ignoriert eine kumulative Betrachtung. Nicht nur Funkytown, sondern auch Archigon, Blockbuster und Spreeküste-Flächen entstehen zeitgleich im selben Korridor. Die Rechnung ist verheerend: 2.100 bis 3.800 neue Arbeitsplätze, 3.200 bis 4.100 zusätzliche Kfz-Fahrten täglich – bei einer einzigen Tramanbindung im 20-Minuten-Takt.
Dieter Hecht, rechnet vor: Bei vollständigen 4.000 Arbeitsplätzen und realistischem Kfz-Anteil (70%) entsteht ein Verkehrsdesaster. Bereits 2019 waren es 94.600 Kfz täglich; heute eher 100.000. Nach Fertigstellung aller Projekte: mindestens 134.000 Kfz-Fahrten. Das Straßennetz ist längst am Limit.
Frank Merkel, Anwohner der Parkstadt, zeigt mit mathematischer Präzision: Bei 1.320 Pendlerplätzen in der Morgenspitze (Tramlinie 21, 20-Min-Takt) und konservativ 50% ÖPNV-Quote braucht man 1.050–1.900 Plätze. Das ist rechnerischer Kollaps. Im realistischen Szenario mit schlechter Anbindung (30% ÖPNV-Quote) fahren 70% Auto – mit allen Staufolgen.
Besonders kritisiert: Die BVG kündigte am 16.12.2025 an, das ÖPNV-Angebot bis 2027 nicht zu erweitern. Tram 22, seit Jahren versprochen, ist nicht in Betrieb. Tram 21 war von November 2025 bis Ende 2026 teilweise stillgelegt.
Lärmschutz für Kleingärtner gefährdet
Dr. Götz Frommer vom Verein Karlshorst e.V. bemängelt: Die Schalltechnik unterschätzt die Lärmquellen des Nutzungskonzepts massiv. Musikstudios, Veranstaltungen, Gastronomie, nächtlicher Publikumsverkehr – diese realen Szenarien fehlen im Gutachten völlig. Eine bloße Pegelerhöhung von 0,7–0,8 dB wird als „unproblematisch“ eingestuft, ignoriert aber die bereits hohe Vorbelastung der südlich gelegenen Kleingartenanlage Wilhelmstrand.
Frommer fordert: verbindliche Festsetzungen zur Lärmminderung bereits auf B-Plan-Ebene, nicht erst in späteren Baugenehmigungen. Details wie Außengastronomie, Event-Zeiten und Lieferverkehre müssen jetzt geklärt sein.
Klimaschutz: Grüne Lunge wird versiegelt
Der Funkhaus-Areal an der Spreeküste ist klimatechnisch hochsensibel – eine Kaltluftschneise von der Wuhlheide in die Innenstadt. Frommers Fachkritik: Der B-Plan verdichtet die Fläche extrem (GFZ 3,5–4,5) ohne klimaorientierte Gesamtstrategie. Das entspricht dem Potsdamer Platz, nicht einem Übergangsraum zwischen Waldlandschaft und Stadt.
Folge: Unterbrechung der Kaltluftzufuhr, erhöhte Hitzebelastung, Verlust großräumiger Frischluftwirkung. Der Plan widerspricht dem eigenen Stadtentwicklungskonzept Klima (StEP).
Wasserschutzzone: Rechtliche Grenzfrage
Merkels Hinweis auf die Wasserschutzzone II ist brisant: Gemäß Verordnung ist Bebauung hier verboten – „soweit sie nicht der öffentlichen Wasserversorgung dienen“. Das Projekt basiert auf der Hoffnung, diese Schutzzone zu ändern. Ein B-Plan auf Basis zukünftiger, unsicherer Rechtsänderungen? Fundamentaler Verfahrensfehler, so Merkel.
Lehren aus der Parkstadt Karlshorst
Alle Einsprechenden verweisen auf ein mahnendes Beispiel: Die Parkstadt, über 1.000 Wohnungen seit 2023, hat keine Kita, keinen Supermarkt in Fußnähe, Tram 22 fehlt bis heute. Gebaut wurde ohne Infrastruktur – ein Szenario, das sich bei Funkytown wiederholen würde.
Geforderte Maßnahmen
Dr. Frommer fordert: kumulative Verkehrsuntersuchung, ergänzende Lärmstudien, klimaorientierte Neufassung, verbindliche Infrastruktursicherung (Blockdammbrücke, S-Bahn Blockdammweg, Straßenbahnausbau).
Hecht und Merkel fordern: B-Plan-Ablehnung oder mindestens aufschiebende Bedingungen – Realisierung erst nach Tram-21-Ausbau (10-Min-Takt), Tram-22-Inbetriebnahme und stabiler 12-Monatsbetrieb.
Das Planungsamt Treptow-Köpenick muss diese fachlich fundierten Einwendungen nun in die Abwägung einstellen. Entscheidend wird, ob Verkehrsbelange und Klima ernsthaft gewichtet oder überlagert werden.