Karlshorst wartet seit Jahren auf Klarheit, doch bei der Ehrlichstraße bleibt die Frage nach sicheren Radverkehrsanlagen weiter offen. Eine aktuelle Antwort des Senats auf eine Schriftliche Anfrage zeigt erneut, wie weit Anspruch, Planung und Umsetzung auseinanderliegen, während seit 2018 über eine Umgestaltung mit Radinfrastruktur diskutiert wird und die Gleise in diesem Jahr zunächst doch nur erneuert werden, und zwar in unveränderter Gleislage.
Ein Projekt mit langer Vorgeschichte
Die Ehrlichstraße ist in Karlshorst längst mehr als nur eine Verkehrsader. Sie ist ein Ort, an dem sich die grundlegende Frage stellt, wie die Mobilitätswende im Berliner Osten konkret aussehen soll. Schon 2018 hatte die BVG Entwürfe für Radverkehrsanlagen vorgestellt und mit Anwohnerinnen und Anwohnern diskutiert, die Ergebnisse wurden in Aktenvermerken und Protokollen dokumentiert und den Teilnehmenden der damaligen Informationsveranstaltungen zur Verfügung gestellt.
Doch was danach kam, klingt eher nach administrativem Stillstand als nach Fortschritt. Die BVG befindet sich zwar im kontinuierlichen Kontakt mit den zuständigen Senatsabteilungen, mit vierteljährlichen Austauschterminen zur Grundinstandsetzung der Gleisanlagen, zum barrierefreien Ausbau der Haltestellen und zu den damit verbundenen Radverkehrsanlagen. Gleichzeitig wurde die Vorplanungsunterlage erst 2025 eingereicht, die fachliche Prüfung erfolgte in diesem Jahr.
Widersprüche in der Planung
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung seit 2023. Nach vorliegenden Planungserkenntnissen und ersten Gutachten zeichnete sich in jenem Jahr der Bedarf einer planrechtlichen Befassung ab, weil die Neuaufteilung des Straßenraums erforderlich sei. Die BVG ließ damals durch die zuständige Anhörungsbehörde prüfen, ob ein Planfeststellungsverfahren nötig wird, mit dem Ergebnis, dass eine solche planrechtliche Befassung angezeigt sei.
Genau an diesem Punkt wird die Logik des Vorhabens sichtbar. Nach Einschätzung der BVG ist die Verlegung der Straßenbahngleise in die Mitte der Straße die Voraussetzung dafür, außerhalb des Lichtraumprofils Platz für Radfahrende zu schaffen. Das war der Kern der früheren Planungen. Nun aber wurde 2023 zugleich die Entscheidung getroffen, die Gleise zunächst nur kurzfristig instand zu halten, aus Gründen der Betriebssicherheit und wegen des fortschreitenden Verschleißes der Anlage.
Was aktuell gebaut wird
Die Folge ist ein praktischer Kurswechsel. Statt der lange diskutierten Umgestaltung mit verschobener Gleislage läuft seit Mai 2026 eine Baumaßnahme, die der Aufrechterhaltung und Sicherstellung des Straßenbahnbetriebs dient. Eine grundhafte Instandsetzung samt Verschiebung der Gleistrasse findet dabei gerade nicht statt.
Für die laufende Maßnahme wurden Bauleistungen in Höhe von 1.409.000 Euro vergeben, allgemeine Verwaltungs und Personalkosten bei BVG, SenMVKU und dem Bezirksamt Lichtenberg werden nicht gesondert ausgewiesen. Eine belastbare Kostenschätzung für das eigentlich politisch relevante Szenario, also die Verlegung der Gleise in die Mitte der Ehrlichstraße zur Herstellung regelkonformer Radverkehrsanlagen, kann die BVG erst nach einer geprüften Bauplanungsunterlage nennen.
Was mitgedacht werden muss
Gerade an der Ehrlichstraße reicht es nicht aus, nur die Gleise zu betrachten. Wer den Straßenraum ernsthaft neu ordnen will, muss auch die Straßenbäume, die behindertengerechten Haltestellen, den Wegfall von Parkplätzen und die Folgen für die Fußgänger mitplanen. Dazu kommt die Aufgabe, die gesamte Umgebung im Sinne der Erhaltungssatzung des Prinzenviertels städtebaulich und gestalterisch mitzudenken.
Das bedeutet, eine sinnvolle Lösung kann nicht allein aus einer technischen Gleisfrage bestehen. Sie muss den öffentlichen Raum als Ganzes betrachten und einen Ausgleich zwischen Mobilität, Aufenthaltsqualität, Barrierefreiheit, Stadtgrün und Quartiersschutz schaffen. Genau deshalb sind für eine belastbare Planung weitere Mittel nötig, nicht nur für die Infrastruktur selbst, sondern auch für die notwendige vertiefte Abwägung und Gestaltung.
Radverkehr bleibt auf der Strecke
Für die Öffentlichkeit ist das schwer nachvollziehbar. Denn der politische und rechtliche Rahmen ist eigentlich klar. Die Ehrlichstraße ist eine Hauptstraße in der Verantwortung des Senats, und im Mobilitätsgesetz ist vorgesehen, dass bei entsprechenden Baumaßnahmen Radverkehr mitgedacht und dokumentiert werden muss. Trotzdem antwortet der Senat ausweichend, die aktuelle Baumaßnahme sei nur eine Instandhaltungsmaßnahme, keine grundhafte Neuordnung des Straßenraums, und deshalb entstehe dabei auch nicht automatisch Raum für den Radverkehr.
Gerade deshalb braucht es endlich eine ernsthafte Diskussion über Alternativen. Wenn der direkte Umbau in der Ehrlichstraße erneut verschoben wird, ist der Radverkehr nicht einfach mitzudenken, sondern aktiv neu zu führen. Eine Lösung könnte darin bestehen, den Radverkehr über die Wandlitzstraße und den Traberweg zu lenken. Das wäre zumindest eine pragmatische Zwischenlösung, die den Radverkehr aus dem konfliktträchtigen Gleis- und Straßenbereich herausnimmt und eine deutlich sicherere Verbindung schafft.
Blockdammweg und Umfahrung
Hinzu kommt ein weiterer Punkt. Der Ausbau des Kehrgleises am Blockdammweg darf nicht isoliert betrachtet werden. Die BVG selbst beschreibt, dass die Arbeiten an der neuen Zwischenendstelle Blockdammweg und die Erhaltungsmaßnahme in der Ehrlichstraße zeitlich und räumlich ineinandergreifen, die beiden Maßnahmen betreffen abschnittsweise Bereiche zwischen Blockdammweg und Heiligenberger Straße.
Besonders wichtig ist dabei, dass die BVG für die Bauzeit ausdrücklich Umfahrungen und Verkehrsführungen im Umfeld benennt. Für Radfahrende wird der gesperrte Bereich über die Trautenauer Straße umfahren, für den Ersatzverkehr und die Buslinie N40 wird zeitweise auch die Route über Wandlitzstraße genutzt. Gleichzeitig werden in dem Quartier rund um die Baustelle weniger Parkplätze zur Verfügung stehen.
Das zeigt, die Verkehrsführung im Umfeld ist bereits heute ein Baustellen und Umleitungsthema. Umso naheliegender ist es, den Radverkehr künftig dauerhaft über die Wandlitzstraße und den Traberweg zu führen, statt ihn in der Ehrlichstraße mit der Straßenbahntrasse, dem Baustellenverkehr und den ohnehin knappen Flächen konkurrieren zu lassen.
Einbahnstraße in der Wildensteiner Straße
Zusätzlichen Druck auf die Verkehrsordnung im Kiez bringt die neue Einbahnstraßenregelung in der Wildensteiner Straße zwischen Wandlitzstraße und Ehrlichstraße. Dort hatte das Bezirksamt bereits 2025 eine temporäre Spielstraße eingerichtet, der Abschnitt wurde damals zeitweise für Auto und Radverkehr gesperrt und zeigte, wie sensibel der Straßenraum im Prinzenviertel inzwischen auf unterschiedliche Nutzungen reagiert.
Gerade vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Wildensteiner Straße nicht einfach als Nebenstraße behandelt werden kann. Wenn dort Verkehrsführung, Spielstraße, Anliegerverkehr und künftig möglicherweise weitere Umleitungsströme zusammenkommen, braucht es eine stadtverträgliche Gesamtstrategie statt punktueller Einzelmaßnahmen. Die neue Einbahnstraßenregelung ist deshalb ein weiteres Argument dafür, den Radverkehr nicht in der Ehrlichstraße festzuhalten, sondern ihn über Wandlitzstraße und Traberweg abzusichern.
Öffentliche Beteiligung ohne sichtbares Ergebnis
Auch bei der Beteiligung der Öffentlichkeit zeigt sich ein vertrautes Muster. Zwar gab es 2018 mehrere Veranstaltungen, darunter die Einwohnerversammlung Bauen und Verkehr in Karlshorst am 4. Juni 2018, ein Abstimmungsgespräch mit dem Bürgerverein Berlin Karlshorst und eine Anwohnerversammlung zum Gleisbauprojekt Ehrlichstraße am 18. Dezember 2018. Doch aus diesen Gesprächen ist bis heute kein öffentlich greifbares, konsistentes Umsetzungsmodell entstanden.
Die nun erteilte Antwort macht deutlich, die Planung existiert, die Diskussion auch, die Ergebnisse liegen intern vor, doch eine verbindliche, transparente und zeitlich belastbare Perspektive für Radverkehrsanlagen in der Ehrlichstraße fehlt weiterhin. Für einen Stadtteil, der seit Jahren auf sichere und moderne Verkehrsflächen wartet, ist das ernüchternd.
Was jetzt offen bleibt
Die BVG will die Unterlagen für die planrechtliche Befassung derzeit weiter erarbeiten und die erforderlichen Gutachten aktualisieren. Eine erneute Vorlage bei der Anhörungsbehörde sei im dritten Quartal 2026 anvisiert, alles Weitere hänge vom Prüfergebnis ab.
Damit bleibt Karlshorst vorerst in einer Zwischenlage gefangen. Die Gleise werden erneuert, die Radverkehrsanlagen nicht mitgebaut, und die eigentlich grundlegende Frage nach einer zukunftsfähigen Straßenraumaufteilung wird auf einen späteren Planungszeitpunkt verschoben. Umso wichtiger ist jetzt, den Blick nicht nur auf die Ehrlichstraße selbst zu richten, sondern auf ein funktionierendes Gesamtbild mit Blockdammweg, Wandlitzstraße und Traberweg, und auf eine Planung, die Bäume, Barrierefreiheit, Parkraum, Folgen für die Fußgänger und den Charakter des Prinzenviertels von Anfang an mitdenkt.