Nicht jede Wut ist irrational, nicht jede Protestwahl blind. Aber wer permanent unter Angst, Kränkung oder Ohnmacht steht, entscheidet anders. Der Berliner Wahlkampf lebt von dieser Erfahrung. Er sollte sie nicht ausbeuten.
Berlin wählt am 20. September ein neues Abgeordnetenhaus. Plakate kleben, Kandidatinnen lächeln, Kandidaten versprechen endlich Tempo. Mieten, Sicherheit, Bildung, Verkehr, Zukunft: Die bekannten Vokabeln werden wieder aufgerufen. Alles richtig, alles wichtig. Nur eine Frage bleibt unterbelichtet: Was geschieht mit einer Demokratie, wenn Menschen zwar wählen dürfen, aber immer seltener erleben, dass ihre Stimme, ihre Erfahrung und ihr Interesse irgendwo ankommen?
Die Unzufriedenheit ist nicht eingebildet. Im jüngsten BerlinTrend waren nur 16 Prozent mit der Arbeit des CDU-SPD-Senats zufrieden; 78 Prozent äußerten sich weniger oder gar nicht zufrieden. Das ist ein Tiefstwert. Wohnen ist zugleich das wichtigste Wahlthema. Alle Parteien wollen bauen, doch beim Mieterschutz und beim Ausmaß staatlicher Regulierung liegen ihre Konzepte weit auseinander.
Man kann über diese Konzepte vernünftig streiten. Man muss es sogar. Aber man sollte verstehen, was politisch passiert, wenn Menschen bei diesem Streit nur noch Zuschauer, Anhörungsobjekte und Datenpunkte sind – statt wirksame Subjekte.
Der Psychologe Julius Kuhl nennt eine solche Erfahrung Alienation: Entfremdung. Seine PSI-Theorie ist keine Wahlsoziologie und erst recht kein Etikett für bestimmte Wählergruppen. Sie hilft aber, zwei Zustände zu unterscheiden, die im Berliner Wahlkampf ineinanderlaufen: manifeste und latente Alienation.
Ich will – aber es passiert nichts
Manifeste Alienation heißt: Jemand weiß, was er oder sie will, kann es aber nicht in wirksames Handeln übersetzen. Politisch lautet das: Ich will eine bezahlbare Wohnung. Ich will eine funktionierende Schule. Ich will, dass die Verwaltung reagiert. Ich will nicht, dass der Verkehr meinen Kiez zur Durchfahrtsschneise macht. Aber zwischen Absicht und Wirkung liegt ein Labyrinth aus Zuständigkeiten, Gutachten, Haushaltszwängen, Eigentümerinteressen, Gerichtsverfahren und Beteiligungsritualen.
Am Ende steht nicht zwingend Gleichgültigkeit. Häufig steht Müdigkeit. Oder Wut. Oder jener Satz, der von politischen Milieus gern als Bildungsmangel missverstanden wird: „Die machen doch sowieso, was sie wollen.“ Er kann Ausdruck einer sehr konkreten Erfahrung sein: Die Verbindung zwischen eigener Präferenz und politischer Wirkung ist gerissen.
In Kuhls Modell hemmt Frustration die Umsetzung eigener Absichten. Äußere Reize gewinnen an Macht: die scharfe Parole, die simple Antwort, der Kandidat, der wenigstens so wirkt, als räume er auf. Die Protestwahl ist damit nicht notwendig ein Irrtum. Sie kann ein Versuch sein, in der Wahlkabine für einen Moment wieder Handlungsfähigkeit zu spüren.
Die Parteien reagieren auf diese Frustration – aber höchst unterschiedlich.
Die CDU verspricht einen handlungsfähigen Staat: mehr Polizei, mehr Personal bei Justiz und Feuerwehr, stärkere Befugnisse, mehr Videoüberwachung. Das adressiert eine reale Erfahrung: Wer sich im Alltag unsicher fühlt oder sich von Behörden allein gelassen sieht, will nicht noch ein Leitbild, sondern eine sichtbare Reaktion. Die FDP setzt an anderer Stelle an: Bürokratieabbau, schnellere Verwaltung, Freiräume für Wirtschaft und Innovation. Die SPD versucht, Erschöpfung mit Zukunftsprojekten, Wachstum und Zuversicht zu beantworten.
Das sind unterschiedliche Varianten desselben Angebots: Wir bringen den Motor wieder zum Laufen. Glaubwürdig wird es nur, wenn daraus nachvollziehbare Umsetzung wird. Menschen brauchen keine politische Wellness. Sie brauchen Antworten auf harte Fragen: Wer entscheidet? Was geschieht bis wann? Warum scheitert etwas? Wer übernimmt Verantwortung? Und was folgt, wenn ein Versprechen nicht eingelöst wird?
Schlimmer: Wenn wir nicht mehr wissen, was wir wollen
Latente Alienation ist die gefährlichere Schwester. Hier weiß jemand nicht nur nicht, wie ein eigenes Ziel durchzusetzen wäre. Der Zugang dazu, was das eigene Ziel überhaupt ist, wird unsicher.
Kuhl beschreibt einen psychischen Vorgang: Bleibt negativer Affekt – Angst, Hilflosigkeit, Kränkung, Traurigkeit oder Wut – dauerhaft hoch und kann er nicht reguliert werden, verengt sich die Wahrnehmung. Bedrohliche Einzelinformationen treten nach vorn. Der größere Zusammenhang tritt zurück: eigene Erfahrungen, langfristige Interessen, Werte, Beziehungen und innere Widersprüche.
Das ist kein Mangel an Intelligenz und kein moralischer Fehler. Wer wegen steigender Mieten nicht schläft, auf einen Facharzttermin wartet, täglich verspätete Bahnen erlebt, Gewalt im Wohnumfeld fürchtet oder sich sozial abgewertet fühlt, hat Gründe für Ärger und Sorge. Aber aus begründeten Gefühlen können politische Verkürzungen werden. Dann wird ein einzelnes Problem zur Erklärung für alles. Eine harte Grenzziehung klingt wie Klarheit. Ein Feindbild wird zum Ersatz für Ursachenanalyse. Die Frage „Was nützt mir langfristig?“ wird überlagert von der dringlicheren Frage: „Wer beendet jetzt diese unerträgliche Unruhe?“
So kann eine Wahlentscheidung subjektiv ehrlich und entschlossen sein – und dennoch den eigenen Interessen widersprechen. Die prekär beschäftigte Mieterin kann einer Partei folgen, die maximale Ordnung verspricht, deren soziale und wohnungspolitische Bilanz ihr aber kaum hilft. Der überforderte Vater kann sich an migrationspolitischer Zuspitzung festhalten, obwohl seine Familie vor allem unter überfüllten Klassen, knapper Wohnfläche und schlechter Versorgung leidet. Umgekehrt kann auch der akademische Klimaengagierte sich moralisch beruhigen und soziale Zumutungen für andere ausblenden.
Latente Alienation ist nicht rechts und nicht links. Sie beginnt dort, wo politische Identität den Kontakt zur eigenen Wirklichkeit ersetzt.
Der Markt der Entlastung
Die AfD hat die affektive Verkürzung zur Methode gemacht. Ihr Berliner Programm koppelt Sicherheit, Wohnen und Migration: Aufnahmestopp für Asylsuchende, ein Amt für „Einwanderung, Asyl und Remigration“, mehr Überwachung und anlasslose Kontrollen in sogenannten Problemvierteln. Das Angebot lautet: Das Chaos hat einen Namen; wir schaffen Ordnung durch Ausschluss.
Das kann kurzfristig entlasten. Es löst aber weder den Mietmarkt noch Personalmangel in Schulen, Kitas, Kliniken und Verwaltung. Es ersetzt soziale und institutionelle Ursachen durch ein sichtbares Außen. Das ist nicht einfach eine andere Lösung im demokratischen Wettbewerb; es ist eine politische Technik, die Unsicherheit in Feindseligkeit übersetzt.
Die CDU steht demokratisch, programmatisch und rechtlich an anderer Stelle. Dennoch muss auch sie beantworten, ob mehr Überwachung und mehr Befugnisse nur Symptome verwalten oder ob sie Teil einer tragfähigen Sicherheitsstrategie sind. Mehr Polizei kann sinnvoll sein. Die politische Pflicht besteht darin, nicht so zu tun, als könne Sicherheit von sozialer Stabilität, Prävention, funktionierenden Behörden und einem nicht weiter zerfallenden öffentlichen Raum getrennt werden.
Andere Parteien setzen bei der materiellen Ursache der Frustration an. Die Linke macht die Wohnungsfrage zum Kern: Umsetzung des Vergesellschaftungsentscheids, Mieterschutz, kommunaler Wohnungsbau. Grüne verbinden bezahlbares Wohnen mit Klima- und Verkehrspolitik. Das BSW verbindet soziale Stabilität mit dem Versprechen von Ordnung und dem Misstrauen gegen etablierte Institutionen. Diese Ansätze nehmen ernst, dass Verdrängung und wirtschaftliche Unsicherheit politische Gefühle erzeugen.
Doch auch die linke und ökologische Seite ist nicht vor der Versuchung gefeit, Formel statt Umsetzung zu liefern. Ein Volksentscheid, ein Klimapfad oder ein Neubauziel sind noch keine Veränderung. Entfremdend wird Politik dort, wo ein großes Wort die mühsame Arbeit ersetzt: Finanzierung, Rechtsrahmen, Verwaltungskapazität, Flächenkonflikte, lokale Abwägung und nachvollziehbare Rückmeldung an die Betroffenen.
Nicht beschwichtigen, sondern befähigen
Berlin produziert zu viele politische Großworte und zu wenige belastbare Umsetzungsketten. Es produziert Ziele, Leitbilder, Strategien und Beteiligungsformate. Was es zu selten produziert, ist verständliche Rechenschaft: Das war das Ziel. Das waren die Hindernisse. Das haben wir erreicht. Das ist gescheitert. Das ändern wir jetzt.
Die Antwort auf Entfremdung lautet nicht: Seid weniger emotional. Negativer Affekt kann ein demokratischer Alarm sein – Wut über Verdrängung, Angst vor Abstieg, Ärger über Gewalt oder kaputte Behörden, Sorge wegen der Klimakrise. Aber Alarm ist nicht schon Urteilskraft.
Demokratische Politik muss Gefühle ernst nehmen, ohne sie zum Rohstoff einer Kampagne zu machen. Sie muss Ursachen unterscheiden, Zielkonflikte offenlegen und reale Handlungsoptionen benennen. Und sie muss Beteiligung anders behandeln: nicht als Dekoration, sondern als Wissen und Anspruch. Einwendungen, Ortskenntnis und Alternativen müssen sichtbar Spuren hinterlassen. Wo sie nicht berücksichtigt werden können, gehört eine nachvollziehbare Begründung hin. Sonst wird Beteiligung zur Schule der Ohnmacht.
Die nützlichste Frage vor dieser Wahl lautet deshalb vielleicht: Wähle ich diese Partei, weil sie mein Problem am lautesten benennt – oder weil sie meine Interessen im Ganzen am besten vertritt?
Das verlangt, mehrere Wahrheiten zugleich auszuhalten: Sicherheit und Freiheit. Neubau und Mieterschutz. Klimaschutz und soziale Fairness. Beschleunigung und Mitsprache. Öffentliche Ordnung und gleiche Würde. Wer diese Spannungen nicht wegzaubert, ist nicht schwach. Wer sie aushält, ist politisch erwachsen. Die gefährlichsten Angebote dieses Wahlkampfs sind jene, die uns versprechen, wir müssten das nicht mehr sein.