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Lichtenberg lernt nicht aus seinen Konflikten

Im Ilsekiez wurde die Hofbebauung weitgehend gestoppt, an der Trabrennbahn beginnt die Beteiligung. Beide Fälle zeigen: Die Wohnungsfrage ist in Berlin längst auch eine Frage politischer Entfremdung. Wer Menschen erst anhört, wenn die Grundentscheidung schon gefallen ist, produziert nicht Akzeptanz, sondern Ohnmacht.

In Lichtenberg lässt sich gerade beobachten, wie eine Stadt ihr Vertrauen verspielt – und wie sie es zurückgewinnen könnte. Der Ilsekiez in Karlshorst und die Trabrennbahn an der Treskowallee sind unterschiedliche Orte. Hier die grünen Innenhöfe einer gewachsenen Siedlung, dort ein großes, geschichtsträchtiges Gelände mit Sport, Freiraum und Entwicklungspotenzial. Doch in beiden Konflikten geht es um dieselbe Grundfrage: Wird Stadtplanung den Menschen zugemutet, oder wird sie mit ihnen entwickelt?

Das klingt nach dem üblichen Streit: Wohnungsbau gegen Grün, Entwicklung gegen Bewahren, Senat gegen Bezirk, Anwohner gegen „Blockierer“. Das ist bequem. Und falsch. Denn hinter diesen Frontstellungen steckt eine tiefere Erfahrung: Viele Bürgerinnen und Bürger wissen sehr genau, was sie in ihrem Quartier brauchen. Aber sie erleben, dass ihre Sicht erst dann Gewicht erhält, wenn sie sich organisieren, Akten wälzen, Presse herstellen, Verfahren anstrengen und politische Kosten verursachen.

Die Psychologie hat dafür einen präzisen Begriff: Alienation, Entfremdung. Der Persönlichkeitspsychologe Julius Kuhl unterscheidet zwei Formen. Sie helfen, die lokalen Konflikte besser zu verstehen – und sie zeigen, warum es bei diesen Auseinandersetzungen nicht um ein paar Bäume oder ein paar Wohnungen geht.

Die verlorene Verbindung

Die erste Form heißt manifeste Alienation. Sie entsteht, wenn jemand weiß, was er oder sie will, aber die eigene Absicht nicht in Handlung und Wirkung übersetzen kann. Auf die Kommunalpolitik übertragen: Menschen wollen eine begrünte Wohnumgebung, sichere Wege, bezahlbare Wohnungen, erreichbare Schulen, sportliche und kulturelle Orte. Sie gehen zur Einwohnerversammlung, schreiben Stellungnahmen, sprechen in der BVV, sammeln Unterschriften. Trotzdem haben sie den Eindruck, dass der Plan weiterläuft wie zuvor.

Dann fällt irgendwann jener Satz, über den Politik und Verwaltung gern die Augen rollen: „Die machen doch sowieso, was sie wollen.“ Er ist nicht notwendig Ausdruck politischer Ahnungslosigkeit. Oft ist er die Bilanz eines langen Lernprozesses. Wer mehrfach erlebt, dass Einwendungen folgenlos bleiben, lernt nicht Demokratie, sondern Ohnmacht.

Bei Kuhl ist manifeste Alienation eine Umsetzungsstörung: Die Verbindung zwischen bewusster Absicht und tatsächlichem Handeln wird unter Frustration schwächer. Äußere Reize und Routinen gewinnen dann an Macht. Politisch heißt das: Die knallige Parole, der Kandidat mit dem harten Versprechen oder der vermeintlich einfache Schnitt wirken attraktiver als ein komplizierter, aber ehrlicher Ausgleich. Nicht weil Menschen dumm wären, sondern weil sie wieder einmal Handlungsmacht spüren wollen.

Die zweite, tiefere Form heißt latente Alienation. Hier geht nicht nur die politische Wirksamkeit verloren. Es wird unsicher, was den eigenen Interessen überhaupt entspricht. Unter anhaltender Angst, Wut, Kränkung, Hilflosigkeit oder Erschöpfung verengt sich nach Kuhls PSI-Theorie die Wahrnehmung. Bedrohliche Einzelheiten treten nach vorn, während der Zusammenhang aus persönlichen Werten, Erfahrungen, langfristigen Interessen und widersprüchlichen Bedürfnissen zurücktritt.

Dann wird aus der Frage „Wie schaffen wir Wohnungen, ohne ein funktionierendes Quartier zu zerstören?“ die künstliche Alternative: Wohnungen oder Bäume. Aus der Frage „Wie sichern wir Freiraum, Sport und Kultur, ohne den Wohnungsbedarf zu leugnen?“ wird: Bauen oder Bewahren. Der Streit wird laut, aber schlechter.

Der Ilsekiez: Der Hof ist kein Restgrundstück

Der Ilsekiez zeigt, wohin eine Planung führt, die den Nahraum vor allem als verfügbare Fläche versteht. Die landeseigene HOWOGE wollte in den grünen Innenhöfen elf Neubauten mit insgesamt 237 Wohnungen errichten. Das Bezirksamt Lichtenberg hat inzwischen die Verlängerung der Baugenehmigungen für neun Häuser abgelehnt; nur zwei Randgebäude könnten grundsätzlich noch in Betracht kommen. Von einer endgültigen Entscheidung kann dennoch keine Rede sein, weil Rechtsmittel und weitere Planungsverfahren möglich sind.

Wer diesen Konflikt nur als Widerstand gegen Neubau beschreibt, will ihn nicht verstehen. Innenhöfe sind in dicht bebauten Quartieren keine leeren Reserven. Sie sind Spielraum, Schattenraum, Treffpunkt, Klimapuffer, Rückzugsort und sozialer Speicher. Dort wird nicht bloß gewohnt, dort wird Nachbarschaft hergestellt. Dass ökologischer Schutz und Artenschutz im Verfahren eine Rolle spielten, war kein exotischer Einwand gegen die Vernunft, sondern der Hinweis auf reale Grenzen eines Projekts.

Der Ilsekiez ist ein Lehrstück manifester Alienation. Bewohnerinnen und Bewohner hatten nicht nur eine diffuse Abneigung gegen Veränderung. Sie brachten konkrete Einwände vor: Verlust von Bäumen und Grün, Belastung des Quartiers, fehlende soziale Infrastruktur, bauliche Dichte, Arten- und Klimaschutz. Die politische Erfahrung vieler Beteiligter lautete trotzdem lange: Die Entscheidung wird andernorts getroffen; wir dürfen sie kommentieren.

Dass die Verlängerungen für neun Häuser nicht bewilligt wurden, ist deshalb mehr als ein Zwischenergebnis. Es ist der seltene Moment, in dem institutionelles Handeln zeigt: Einwendungen können Folgen haben. Nicht jede Forderung muss erfüllt werden. Aber ein demokratisches Verfahren muss sichtbar machen, dass Gründe etwas ändern können.

Nun besteht die nächste Gefahr darin, den Konflikt erneut zu verkürzen. Wer aus dem Stopp ableitet, nun dürfe im Ilsekiez gar nicht mehr gebaut werden, ignoriert die Wohnungsnot. Wer umgekehrt behauptet, landeseigener Wohnungsbau sei per se gemeinwohlorientiert, ignoriert den Unterschied zwischen einer Wohnungspolitik und einer Flächenverwertung mit öffentlichem Briefkopf.

Eine landeseigene Gesellschaft wie die HOWOGE müsste gerade mehr können als ein privater Projektträger: Wohnungsneubau, Bestandsmieterschutz, ökologische Qualität, Regenwassermanagement, soziale Infrastruktur und nachbarschaftliche Akzeptanz zusammenbringen. Sonst wird sie zum Beweis dafür, dass „öffentlich“ nicht automatisch „gemeinwohlorientiert“ bedeutet.

Die Trabrennbahn: Beteiligung vor Entscheidung?

Bei der Trabrennbahn Karlshorst steht die Frage noch größer im Raum. Der Entwurf des Bebauungsplans 11-178 liegt vom 24. August bis einschließlich 25. September öffentlich aus. Bürgerinnen und Bürger können Unterlagen einsehen und Stellungnahmen abgeben; nach Angaben des Bezirksamts sollen diese in die weitere Planung einfließen.

Die Größe der anstehenden Entscheidung ist erheblich. Nach Berichten könnten auf dem Gelände rund 490 Wohnungen entstehen. Die Frage ist aber nicht nur, wie viele Wohnungen auf eine Fläche passen. Es geht um die Zukunft eines der letzten großen zusammenhängenden Areale im Ortsteil: um Freiraum, Sport, Pferdekultur, mögliche Therapie- und Bildungsangebote, Klimaresilienz, Verkehr, soziale Infrastruktur und die Beziehung zur Wuhlheide.

Genau hier beginnt die PSI-Logik. Beteiligung darf nicht bedeuten: Die Verwaltung erläutert am Ende eines langen Vorlaufs, warum ihre Vorentscheidung sachlich alternativlos sei. Beteiligung muss heißen: Ziele, Varianten und Folgen stehen tatsächlich zur Disposition. Welche Flächen müssen überhaupt bebaut werden? Welche öffentlichen Nutzungen sind dauerhaft zu sichern? Welche Infrastruktur braucht ein neues Quartier? Welche Alternative gibt es zu einer bloßen Aufteilung in Wohnen, Gewerbe und Restgrün?

Das im Juni eingereichte Bürgerbegehren zur Trabrennbahn fordert, die geplanten Wohn- und Gewerbeflächen zugunsten eines Sondergebiets für Grün, Sport, Kultur und Freizeit aufzugeben. Es befindet sich in der rechtlichen Prüfung. Man kann diese Forderung teilen oder ablehnen. Ihre demokratische Bedeutung liegt zunächst woanders: Sie übersetzt diffuse Unzufriedenheit in eine konkrete, überprüfbare politische Alternative.

Das ist der Unterschied zwischen Protest und politischer Selbstwirksamkeit. Wer nur „Nein“ sagen kann, bleibt leicht in der Ohnmacht. Wer eine Alternative formuliert, zwingt Politik und Verwaltung, sich zu Zielen, Kosten, Eigentum, Rechtswegen und Prioritäten zu verhalten.

Die Falle der falschen Gegensätze

Latente Alienation beginnt dort, wo ein Konflikt nur noch in einfachen Gegensätzen verstanden wird. Bei der Trabrennbahn lautet die eine Verkürzung: Jede Bebauung ist Spekulation, jede Wohnung ein Angriff auf den Ort. Die andere lautet: Jede Freiraumsicherung ist Wohnungsbauverhinderung und deshalb asozial.

Beides ist bequem. Beides enthebt Politik und Öffentlichkeit der Pflicht, genauer hinzusehen.

Berlin braucht Wohnungen. Lichtenberg braucht bezahlbare Wohnungen. Aber Berlin braucht auch zusammenhängende Freiräume, Regenwasserrückhalt, Biodiversität, wohnungsnahe Erholung, Sportflächen und Orte, die nicht nur nach ihrer kurzfristigen Verwertbarkeit beurteilt werden. Eine Stadt, die jede größere freie Fläche ausschließlich als Baulandreserve ansieht, plant sich ökologisch, sozial und demokratisch ärmer.

Umgekehrt reicht es nicht, auf den Schutz eines Ortes zu pochen, ohne seine zukünftige gemeinwohlorientierte Nutzung plausibel zu machen. Ein Konzept wie eine „Domäne Karlshorst“ wäre nur dann überzeugend, wenn es nicht als nostalgische Gegenparole dient. Es müsste zeigen, wie öffentliche Zugänglichkeit, Pferde- und Rehasport, Bildung, Kultur, Stadtnatur, Finanzierung, Trägerschaft und Verkehr tatsächlich zusammenkommen. Es müsste die Antwort auf die Frage geben, weshalb ein großer Freiraum für die gesamte Stadt mehr Wert schafft als seine parzellenweise Verwertung.

Gerade darin könnte seine Stärke liegen: nicht „nichts darf sich ändern“, sondern „etwas anderes kann besser werden“.

Das Problem heißt Rückkopplung

Der entscheidende Unterschied zwischen einer konfliktfähigen und einer entfremdenden Planungskultur ist Rückkopplung. Bürgerbeteiligung ist nicht die Zahl der Post-its an einer Stellwand. Sie zeigt sich daran, ob Einwendungen Konsequenzen haben – durch Änderungen, Varianten, zusätzliche Prüfungen oder wenigstens eine klare, überprüfbare Begründung der Ablehnung.

Lichtenberg sollte dafür einen einfachen Standard setzen. Bei großen Vorhaben müssen frühzeitig und öffentlich dokumentiert werden:

  • Welche Varianten einschließlich einer Null- und einer Reduktionsvariante geprüft wurden
  • Welche Ziele kollidieren und nach welchen Maßstäben sie gewichtet werden
  • Welche Stellungnahmen zu welchen Änderungen geführt haben
  • Welche Folgen für Verkehr, Schule, Kita, Grün, Klima und Gesundheit erwartet werden
  • Wer bei Konflikten zwischen Senat, Bezirk, landeseigenen Unternehmen und BVV letztlich entscheidet

Das klingt technokratisch. Ist es aber nicht. Es ist der Kern demokratischer Zumutbarkeit. Es macht aus der Erfahrung „Ich werde angehört, aber nicht ernst genommen“ die Erfahrung „Meine Position ist Teil einer sichtbaren Abwägung.“

Nicht beruhigen, sondern ernst nehmen

Die Antwort auf kommunale Wut kann nicht sein, sie zu pathologisieren. Negative Gefühle sind oft politische Wahrnehmungsorgane. Wer Verdrängung erlebt, wer um Bäume, Wege und Nachbarschaft fürchtet, wer eine überlastete Schule oder einen kaputten Bürgeramtsprozess kennt, hat Gründe für Ärger. Der Fehler beginnt erst, wenn Politik diese Gefühle entweder ignoriert oder sie in schlichte Feindbilder überführt.

Der Ilsekiez und die Trabrennbahn sind deshalb mehr als lokale Planungskonflikte. Sie sind ein Test für Lichtenberg. Der Bezirk kann zeigen, dass Wohnungsbau nicht gegen das Quartier durchgesetzt werden muss. Er kann zeigen, dass eine große Freifläche nicht nur als Reserve fürs nächste Bauversprechen gilt. Und er kann zeigen, dass Beteiligung kein spätes Ritual ist, sondern die Voraussetzung besserer Entscheidungen.

Demokratie ist kein Wunschkonzert. Aber sie darf auch kein Theater sein, in dem die Bürgerinnen und Bürger klatschen, pfeifen und Stellungnahmen abgeben dürfen, während das Stück längst geschrieben ist.

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