In Karlshorst beginnt eine neue Phase im Streit um die Zukunft der Trabrennbahn. Heute wurde beim Bezirksamt Lichtenberg die Anzeige eines beabsichtigten Bürgerbegehrens gemäß §§ 45 ff. Bezirksverwaltungsgesetz zum Bebauungsplan 11-178 Trabrennbahn Karlshorst eingereicht. Eingereicht wurde sie durch den gemeinnützigen Karlshorst e.V., der sich seit Jahren für Bürgerbeteiligung und eine gemeinwohlorientierte Entwicklung des Geländes engagiert.
Der Vorgang befindet sich nun in der Rechtsprüfung durch das Bezirksamt. Damit wird aus einer seit Jahren schwelenden lokalen Auseinandersetzung ein formelles demokratisches Verfahren. Denn die Frage, wie die Trabrennbahn künftig genutzt werden soll, ist längst keine technische Planungsfrage mehr, sondern eine Grundsatzentscheidung über Stadtentwicklung, Freiraum und Gemeinwohl in Berlin.
Der Hintergrund ist bekannt. Das Bezirksamt Lichtenberg beschloss Ende 2021 die Aufstellung des Bebauungsplans 11-178. Die damals veröffentlichten Planungsziele sahen neben Sondergebieten für Pferdesport, Freizeit, Kultur und Soziales auch ein Gewerbegebiet, drei urbane Gebiete und zwei allgemeine Wohngebiete vor. Parallel wurde auf Landesebene eine Änderung des Flächennutzungsplans eingeleitet.
Genau gegen diese Weichenstellung richtet sich nun das Bürgerbegehren. Die vorgeschlagene Entscheidungsfrage lautet:
„Sind Sie dafür, dass die Planungsziele des Bebauungsplans 11-178 Trabrennbahn Karlshorst dahingehend geändert werden, dass die Fläche ausschließlich als ein Sondergebiet mit Zweckbestimmung Grün-, Sport-, Kultur- und Freizeitnutzung für den gesamten Geltungsbereich des B-Planes festgesetzt wird, sodass die bislang vorgesehenen Wohn- und Gewerbeflächen entfallen?“
Diese Frage ist bewusst klar formuliert. Sie wendet sich nicht nur gegen einzelne Randbebauungen, sondern fordert für das gesamte Gebiet eine andere planerische Logik: kein Nebeneinander von Sonder-, Wohn- und Gewerbegebieten, sondern eine einheitliche Ausrichtung auf Grün-, Sport-, Kultur- und Freizeitnutzung. Für viele Menschen in Karlshorst geht es dabei um den Erhalt eines der größten zusammenhängenden Freiräume im Berliner Osten.
Karlshorst e.V. knüpft damit an ein langjähriges Engagement an. Bereits 2021 hatte der Verein mit dem Einwohnerantrag „Keine Zerstörung der Trabrennbahn“ mehr als 2.000 Unterschriften gesammelt und die Beibehaltung des Standorts für Naherholung und Sport gemäß Flächennutzungsplan gefordert. Das neue Bürgerbegehren geht nun einen Schritt weiter, weil es die Planungsziele des laufenden Bebauungsplanverfahrens unmittelbar ändern will.
Hinzu kommt ein zweiter Konflikt, der viel über den bisherigen Umgang mit Bürgerbeteiligung sagt. Die BVV Lichtenberg hatte bereits 2022 einen Runden Tisch „Entwicklung rund um die Trabrennbahn Karlshorst“ beschlossen beziehungsweise das Bezirksamt zu dessen Einberufung ersucht. Nach Darstellung von Karlshorst e.V. wurde dieser Runde Tisch vom Bezirksamt zwar vor Jahren zugesagt, tatsächlich aber nie durchgeführt. Genau deshalb liegt inzwischen auch eine Beschwerde bei der Bezirksaufsicht vor.
Brisant ist zudem, dass parallel bereits weitere beschleunigte Wohnungsbauvorhaben im Umfeld geprüft werden. In ihrem Bericht an die Bezirksverordnetenversammlung vom 18. Juni 2026 führt Bezirksstadträtin Camilla Schuler die Grundstücke Treskowallee 137, 151 und 163 als „Bauturbo“-Vorhaben mit ca. 196 Wohneinheiten auf. Die zugehörige Bauturbo-Konferenz habe bereits am 19. Mai 2026 stattgefunden; ein abgestimmtes Protokoll mit den Fachämtern liege allerdings noch nicht vor.
Das ist politisch hoch relevant. Denn damit steht nicht nur die langfristige Richtung des Bebauungsplans 11-178 zur Debatte, sondern zugleich die Frage, ob entlang der Treskowallee schon jetzt beschleunigte Wohnungsbauoptionen vorbereitet werden. Gerade weil noch kein abgestimmtes Fachämterprotokoll vorliegt, zeigt der Bericht vor allem eines: Der Druck zur baulichen Entwicklung ist real und das Zeitfenster für eine öffentliche Gegenposition wird kleiner.
Dabei liegt inzwischen längst eine Alternative auf dem Tisch. Mit der Idee einer „Domäne Karlshorst“ wird vorgeschlagen, das Areal als zusammenhängenden Ort für Natur, Pferdesport, Kultur, Bildung, Therapie, Erholung und soziale Infrastruktur zu sichern. Ob dieses Modell später genau so umgesetzt wird, ist offen. Aber es macht sichtbar, dass die Wahl eben nicht zwischen Verfall und Bebauung besteht, sondern zwischen unterschiedlichen Zukunftsbildern für ein stadtweit bedeutendes Gelände.
Das Bürgerbegehren ist deshalb mehr als ein lokaler Protest. Es ist auch eine Reaktion auf das Scheitern eines versprochenen Beteiligungsprozesses. Wer es unterstützt, sagt, dass Freiraum, Klimaresilienz, öffentliche Nutzbarkeit und gemeinwohlorientierte Entwicklung an diesem Ort höher zu bewerten sind als weitere Wohn- und Gewerbeflächen. Wer es ablehnt, muss erklären, warum ein BVV-beschlossener Runder Tisch ausblieb und warum stattdessen nun über beschleunigte Bauoptionen gesprochen wird.
Noch ist nichts entschieden. Aber mit der heutigen Einreichung ist die Debatte in ein neues Stadium eingetreten. Die Zukunft der Trabrennbahn Karlshorst wird nicht mehr nur in Verwaltungsverfahren, Ausschüssen und Fachgesprächen verhandelt. Sie wird zu einer öffentlichen demokratischen Richtungsfrage für den Bezirk und darüber hinaus.